Identität

»Auch Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt.«

Jean-Paul Sartre, Philosoph, 1905 – 1980

Warum sage ich nicht, wer ich wirklich bin?

Bin ich feige? Will ich mich in der Anonymität verstecken? Vielleicht. Auf jeden Fall will ich meine Familie schützen, denn ich möchte nicht, dass die irgendwann von einem brennenden Holzkreuz im Vorgarten erschreckt wird

oder gar von einem Testosteron-Hirni mit Sprengstoffgürtel, der glaubt, er käme so ins Paradies, wo 72 Jungfrauen auf ihn warten, um sich von ihm mal so richtig durchf… ach, Sie wissen schon! Ob diese Jungfrauen sich freuen, wenn denen ein blutiger Haufen Hack angeliefert wird …? Naja, seit wann gehört es schon zu irgendeinem religiösen Glauben, dass Frauen sich freuen sollen?! Also ist das auch wurscht. Mettwurst, gewissermaßen.

Schon mal versucht, mit Argumenten einen Bullshit-Gläubigen von einer Straftat abzuhalten? Nein? Sie würden es aber versuchen? Dann viel Spaß dabei! Ich nehme nicht an, dass sie dem etwas Besseres anbieten können als ewiges Leben im Porno-Paradies mit unbegrenzter Potenz.

Ich auch nicht.

Deshalb können Sie mich Hy-Man nennen.

Nein, nicht He-Man, denn das ist bekanntermaßen der Retter des Universums (oder Rächer statt Retter? Da habe ich beim Spielzeug-Werbespot wohl nicht richtig aufgepasst). Der bin ich nicht. Retter gibt es schon genug. Retter des Universums. Retter der Welt. Retter des Klimas. Oder Retterinnen. Manchmal ein bisschen autistisch und manchmal ein bisschen mehr antisemitisch, aber auf jeden Fall mit Botschaft und manchmal auch nur mit Glaubens-Botschaft, aber immer felsenfest daran glaubend, auf der »richtigen« Seite zu stehen, zu den »Guten« zu gehören und, vor allem, unfassbar wichtig und bedeutend zu sein. Ich finde mich nicht so wichtig. Irgendwann sterbe ich und dann bin ich weg. Wie Sie. Wie die Retterinnen und Retter. Bevor es uns gab, waren wir auch schon weg. Lange. Sehr lange. Und? War das schlimm? Nein? Warum nehmen sich dann einige von uns so überaus wichtig?      

Ich bin auch nicht Hymen, das Jungfernhäutchen, Heiligtum überall dort, wo der Bullshit besonders erbärmlich ist, wo Männlein nicht wollen, dass ihre Frauen Ahnung vom Sex haben, dass die womöglich schon wissen, was ihnen gut tut und was sie nicht so mögen oder gar auf die Idee kommen, Ansprüche zu stellen. Ich habe mich früher oft gefragt, was Männer daran finden, wenn eine Frau vom Tuten und – vor allem – Blasen keine Ahnung hat. Inzwischen weiß ich, dass es darum geht, dass eine Frau unwissend ist und keine Maßstäbe für Qualität entwickelt, denn dann würde sie womöglich feststellen, dass die »Qualität« ihres Traumprinzen nicht einmal groß genug ist, um ein Astloch zu beglücken und dann würde sie etwas haben wollen, was alle Religionen vor allem Frauen lieber strikt untersagen möchten: Eine Wahl.

Das »Hy« stellt vielmehr eine Reminiszenz an Hypatia dar, eine frühe Philosophin, Mathematikerin und Astronomin und eines der ersten prominenten Opfer eines rasenden Bullshit-Mobs.

Ob ich selbst prominent bin, sollen andere Leute beurteilen und sich selbst als »gelehrt« zu bezeichnen, wenn man mal ein bisschen was studiert hat, käme mir etwas überheblich vor. Ich habe jedenfalls nicht vor, meine Ansichten, auch wenn sie belegbar und evidenzbasiert sein sollten, über die von anderen Leuten zu stellen … es sei denn, diese Leute verbreiten nichts als Bullshit.

Vielleicht liegt es daran, dass es mir an der Gehirnwäsche fehlt.

Meine Eltern waren Christen aus Opportunismus; Vater »katholisch«, Mutter »evangelisch« und weil man das eben so machte und weil sie ansonsten Nachteile für mich befürchteten, entschieden sie sich für das vermeintlich »kleinere Übel« und dafür, mich evangelisch taufen zu lassen. Dagegen wehren konnte ich mich als Kleinkind nicht.

Danach spielte der Bullshit in meinem Leben keine besondere Rolle. Lediglich meine katholische Oma erzählte ab und zu etwas seltsames Zeug, wurde dann aber regelmäßig von meinem Opa, einem klugen, scharfzüngigen Zyniker, zur Ordnung gerufen, so dass ich erst wieder mit meiner Einschulung etwas von dem Bullshit mitbekam. Ich musste nämlich auf eine »evangelische« Grundschule gehen. Dort wurde vor dem Unterricht gebetet. Ich hielt das zwar für ein seltsames Ritual, aufzustehen und irgendwelches Zeug zu brabbeln, an dessen Inhalt ich bis heute keinerlei Erinnerung habe, aber es gab ja viele Rituale wie die Schultüte, warme Milch bzw. Kakao und die Vertretungslehrerin, die immer aus »Die kleine Hexe« vorlas. Also war das eben so, dass ein bisschen gebrabbelt wurde. Außerdem hatte der reguläre Lehrer einen Rohrstock in seinem Pult. Da brabbelte man tunlichst lieber mit. Damals wusste ich ja noch nicht, dass Prügel ein bewährtes Mittel christlicher Erziehung sind. Meine Eltern prügelten nicht. Die waren eben nur Papier-Christen.

Auf dem Gymnasium gab es dann Religions-»Unterricht«. Das erschien mir damals schon absurd, denn das war ja kein Unterricht über Religionen – wozu sie dienen, was sie anrichten und welche Funktionen sie haben samt Darstellung der verschiedenen, allesamt auf Copy & Paste beruhenden Sagen und Überlieferungen (die Sintflut kommt ja schon im Gilgamesch-Epos vor), sondern »konfessioneller Unterricht«. Man stelle sich vor, die eigenen Eltern sind CDU-Mitglieder und dann bekommt man im Politik-Unterricht nur das Parteiprogramm und die Wahlprogramme der CDU gelehrt mit dem Ziel, das alles gut zu finden! Zum Wahnsinn »Religionsunterricht« wird es aber auch noch Blog-Beiträge geben. Deshalb an dieser Stelle nur so viel: Mein erster Religionslehrer war auch Priester (natürlich). Der tätschelte und knuffte gern zarte Jungs. Ich war kein zarter Junge und wurde nicht geknufft und außerdem sah der Drecksack wohl in meinen Augen, dass ich zurück geknufft hätte. Irgendwann war der verschwunden. Vielleicht (oder eher, wie wir heute alle wissen, wahrscheinlich) war es nicht beim Tätscheln und Knuffen geblieben und der Mann wurde streng bestraft, wie das in diesen Vereinen so üblich ist, indem man ihn versetzte, damit er dann andere Knaben an einer anderen Schule knuffen konnte.

Da die »Inhalte« bei mir in ein Ohr hinein- und aus dem anderen Ohr wieder herausgingen, blieb kein bisschen »Glaube« an mir hängen. Ich ging von Anfang an davon aus, dass mir genauso gut ein Narr Karnevals-»Unterricht« oder eine Isländerin Feen-»Unterricht« oder eine Vertretungslehrerin »Unterricht« über »Die kleine Hexe« oder über Pippi Langstrumpf hätte geben können. Meine Eltern hatten mir ja schließlich auch Märchen vorgelesen und nicht verlangt, dass ich die für Sachbücher halten sollte.

Erst viel später begriff ich, wie sehr der Bullshit seit Jahrhunderten und Jahrtausenden jeden Tag, von der Geburt bis zum Tod, in unser aller Leben einsickert, wie er versucht, uns zu manipulieren und zu betrügen wie eine täglich an der Tür klingelnde Drückerkolonne von Staubsaugervertretern (nichts gegen Staubsauger!), wie er droht und das ultimative Heil verspricht, wie er erniedrigt und quält, belästigt und verblödet. Ich finde, auch der Versuch sollte bereits strafbar sein.